Die märchenhafte Seite

Juli 2013

Der Kater und der Dümmling

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne: zwei kluge und einen dummen. Der Vater wurde krank und hatte keine Hoffnung mehr, gesund zu werden. Vor dem Tode verteilte er seinen Besitz zur Hälfte unter die beiden klugen Söhne. Als der Dümmling sah, daß der Vater ihm nichts hinterlassen hatte, fing er an zu jammern und zu weinen. »Warum übergehst du mich denn, Väterchen?« fragte er. Der Alte dachte nach und sagte: »Mein ganzes Hab und Gut, Söhnchen, hab ich unter deine älteren Brüder verteilt; nur mein Kater und der Ofen zum Teerbrennen sind übriggeblieben, die sollen dir gehören.« Der Dümmling dankte ihm auch dafür.

Der Vater starb. Kaum hatten sie ihn begraben, so packten die klugen Brüder den Dümmling beim Genick und stießen ihn zur Tür hinaus, und den Kater warfen sie ihm auch noch hinterher. »Sucht euch selber euer Brot«, sagten sie, »Faulenzer wollen wir nicht füttern!« Und der Dümmling ging hin und legte sich in sein väterliches Erbteil, in den Teerofen. Dort lag er auf der Asche und nahm den Kater unter den Kopf, um sich zu wärmen. So lag er lange, lange Zeit, dann wollte er essen und schrie: »Essen will ich! Essen will ich.« Und er ergriff den Kater und sagte zu ihm: »Ich werde dich auffressen.« - »Wart ein wenig, friß mich nicht«, antwortete der Kater, »ich werde dir schon Speise bringen.« Und der Kater ging fort, kletterte auf die Dächer und schnüffelte nach Eßbarem herum; er brachte eine Wurst mit und gab sie dem Dümmling zu essen. Kaum hatte der sich vollgefressen, so schrie er: »Heiraten will ich!«

Da konnte aber auch der Kater keine Abhilfe schaffen, und so schrie der Dümmling, bis er wieder essen wollte. So ging es Tag für Tag: war er hungrig geworden, schrie er: »Ich will essen«, hatte er sich vollgefressen, schrie er: »Ich will heiraten!« Schließlich fing er an, den Kater zu prügeln. »Man muß ihn verheiraten«, dachte der bei sich. »Aber wie soll man sich mit diesem Klotz in der Asche auf der Freite zeigen? Wer wird denn so einen, wie den, zum Mann nehmen?« Er dachte lange, lange nach, und schließlich hatte er sich etwas ausgedacht.

Er ging auf den Abfallhaufen eines Schneiders, raffte allerhand Flicken zusammen und nähte dem Dümmling ein Kleid; darauf ging er auf den Abfallhaufen eines Schusters, sammelte kleine Stückchen Leder und ein Endchen Pechdraht und machte ihm Stiefel. Er gab ihm zu essen, wusch ihn und zog ihm die neuen Kleider an. Und man weiß ja doch, daß Kleider Leute machen! So war denn auch der Dümmling so hübsch geworden, daß man ihn selbst zur Königstochter hätte führen mögen, und der Kater konnte sich an ihm nicht sattsehen. »Jetzt wollen wir zu unserm Gutsherrn auf die Freite gehen«, sagte er zum Dümmling. »Nenne dich Herr Aschenpuster, denn in Asche hast du dich gewälzt, und sitz da, wie ein großer Herr, sprich kein Wort, halt den Kopf hoch und schau nicht an dir hinunter.« Und sie gingen in die vornehme Welt, zum Gutsherrn. Als sie dort ankamen, konnte sich der Gutsbesitzer vor Staunen nicht fassen, als er einen Kater erblickte, der zu sprechen verstand; doch er staunte noch nicht so sehr wie das Fräulein, seine Tochter.

Als der Kater aber erzählte, wie groß des Herrn Aschenpusters Besitzung sei, und daß er die Tochter heiraten wolle, da war sie sogleich mit Freuden einverstanden. Die Eltern wollten jedoch wissen, ob es wahr sei, was der Kater von der Besitzung des Herrn Aschenpusters erzählte, und beschlossen, ihn vor der Hochzeit als Gäste zu besuchen. Sie riefen die Nachbarn zusammen, setzten den Dümmling in eine Kutsche und fuhren davon, der Kater aber lief vorneweg.

Sie fuhren und fuhren und kamen auf das Gut des Drachen von der Berghöhle. Die Hirten hüteten eine große, große Herde Kühe. Der Kater fragte: »Wessen Hirten seid ihr?« - »Des Drachen von der Berghöhle.« - »Sagt nicht, daß ihr des Drachen Hirten seid, sondern antwortet: des Herrn Aschenpusters; denn hinter mir da brausen Grom und Perun1 heran, die werden euch sonst erschlagen!« Und die Hirten gehorchten, als die Gutsbesitzer sie fragten, wessen sie seien. Darauf stieß der Kater auf die Pferdeknechte des Drachen von der Berghöhle, schreckte sie ebenso mit Grom und Perun und befahl ihnen zu sagen, sie seien des Herrn Aschenpusters Knechte. Und so antworteten sie auch auf die Frage der Gutsherren. Der Vater von dem Fräulein aber blähte sich wie ein Hefebrot, weil ein so reicher Herr sein Schwiegersohn werden sollte. Der Kater kam endlich auf den Hof des Drachen gelaufen und rief: »Versteck dich schnell irgendwo, Herr Drache, denn Grom und Perun kommen geflogen; sie werden dich erschlagen und zu Staub zermalmen!«

Der Drache aber fürchtete natürlich Grom und erschrak. »Wo soll ich mich verstecken?« sagte er. Mitten aber auf dem Hof des Drachen wuchs eine große hohle Linde. »Klettre schnell dort hinein!« sagte der Kater zum Drachen. Der merkte in seinem Schreck keinen Unrat und war so dumm hineinzukriechen. Mehr wollte der Kater auch nicht: er verstopfte die Höhlung mit Holzscheiten und verschmierte sie mit Lehm. Und dann schrie er dem Hofgesinde des Drachen zu: »Wenn ihr am Leben bleiben wollt, so sagt nicht, daß ihr dem Drachen von der Berghöhle gehört, sondern sagt: dem Herrn Aschenpuster, denn Grom und Perun kommen geflogen, die werden euch sonst zerschlagen, zerstampfen und zertreten wie einen bitteren Apfel.« Alle Knechte gerieten da in fürchterliche Angst.

Unterdessen kamen die Hochzeitsgäste auf den Hof gefahren. Und sie staunten gewaltig, so schön war alles und so herrschaftlich eingerichtet. Die Diener eilten ihnen entgegen und führten das junge Paar in die Gemächer. Dort feierten die Gäste dann die Hochzeit, und es war eine wilde, fröhliche Hochzeit. So lebte nun der Dümmling als Herr auf dem Hofe des Drachen. Und wenn es auch wahr bleibt, daß er seither nicht klüger geworden ist - wozu braucht denn ein Reicher Klugheit? Wem der Herr gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand.

[Weißrußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen, S. 1 ff.Digitale Bibliothek Band 110: Europäische Märchen und Sagen, S. 30176 (vgl. RU-VM, S. 68 ff.)]


Juni 2013

Der Geizhals.

Es war einmal ein reicher Kaufmann, der hieß Mark und es gab keinen ärgeren Geizhals als ihn. Einmal ging Mark spazieren, da traf er auf dem Wege einen Bettler, der war ein alter Mann und bat um ein Almosen.

    »Gebt, Rechtgläubige, um Christi willen!«

    Mark der Reiche ging an dem Bettler vorüber, aber hinter ihm kam ein armer Bauer, der hatte Erbarmen mit dem Alten und gab ihm eine Kopeke. Da schämte sich der Reiche, blieb stehen und sagte zu dem Bauern:

    »Höre, Landsmann, leihe mir eine Kopeke, ich will sie dem Armen geben und habe kein kleines Geld.«

    Der Bauer gab Mark eine Kopeke und fragte: »Und wann kann ich mir mein Geld wieder holen?«

    »Komm morgen zu mir.«

    Am nächsten Tag kam der Arme in des Reichen schönen Hof, um seine Kopeke zu holen.

    »Ist Mark der Reiche zu Hause?«

    »Ja, was willst du?«

    »Ich komme wegen meiner Kopeke.«

    »Ach, Bruder, komm später wieder, ich habe wirklich kein Kleingeld.«

    Der Arme sagte: »Ich komme morgen wieder.« Verneigte sich und ging.

    Am nächsten Morgen kam er, da hieß es:

    »Ich habe wirklich gar kein Kleingeld, außer du willst auf hundert herausgeben – sonst – komm in zwei Wochen wieder.«

    Nach zwei Wochen kam der arme Bauer wieder zu Mark. Als der ihn durch das Fenster kommen sah, sagte er zu seiner Frau:

    »Hör, Frau, ich ziehe mich nackt aus und lege mich unter das Heiligenbild. Deck mich mit einem Leintuche zu, setz dich hin und weine, als wäre ich tot. Kommt der Bauer um sein Geld, sag ich wäre heute gestorben.« Gut, wie es der Reiche befohlen hatte, tat sein Weib. Sie saß da und zerfloß in heißen Tränen, als der Bauer ins Zimmer trat, und fragte ihn:

    »Was willst du?«

    »Ich komme zu Mark dem Reichen, wegen seiner Schuld«, sagte der Bauer.

    »Ach, Bäuerlein, gerade ist er gestorben.«

    »Leicht sei ihm das Himmelreich! Erlaub, Frau, daß ich ihm für meine Kopeke einen Dienst erweise und seinen sündigen Leib abwasche.«

    Mit diesen Worten ergriff er einen Topf mit siedendem Wasser und brühte Mark damit ab. Mark hielt es kaum aus und zuckte mit den Beinen.

    »Zapple so viel wie du willst, aber gib die Kopeke zurück!« sagte der Arme. Er wusch und schmückte den Kaufmann wie es sich schickt und sprach zur Frau:

    »Geh Frau, kauf einen Sarg und laß Mark in die Kirche tragen, ich werde bei ihm bleiben und Psalter für ihn lesen.«

    Da legten sie Mark in den Sarg und trugen ihn in die Kirche und der Bauer las Psalter für ihn.

    Die dunkle Nacht brach an und plötzlich ging in der Kirche ein Fenster auf und Diebe stiegen ein. Der Bauer verbarg sich hinter dem Altar.

    Die Diebe verteilten Beute untereinander, aber bei der Verteilung blieb ein goldner Säbel übrig, den wollte jeder von ihnen haben. Da sprang der Arme hervor und schrie: »Was streitet ihr lange? Wer von euch diesem Toten den Kopf abschlägt, dem gehört der Säbel!«

    Da sprang Mark der Reiche voller Angst auf. Die Diebe erschraken, warfen ihre Schätze nieder und liefen davon.

    »Nun, Bäuerlein, laß uns das Geld teilen.«

    Sie teilten alles in zwei gleiche Teile und für jeden gab es viel.

    »Was ist es mit der Kopeke?« fragte der Bauer.

    »Ach, Bruder, du siehst es ja selbst, ich habe kein Kleingeld.«

    So kam es, daß Mark der Reiche die Kopeke nicht zurückzahlte.

[Rußland: A.N. Afanaßjew: Russische Volksmärchen. Europäische Märchen und Sagen, S. 22255

(vgl. RU-VMN, S. 171 ff.)]


Mai 2013

Von dem Bauern, der gewandt zu lügen verstand

Es war einmal ein Herrscher, der liebte es, wenn ihm einer was vorlog. Er stellte einen tiefen Teller voll Gold auf den Tisch und legte ein Schwert daneben. Wenn der Zar sagt, du lügst, Bruder - dann nimm das Gold; vergißt sich der Zar bei der Erzählung aber nicht und sagt er nicht, daß du lügst, muß dein Kopf herunter!

    Ein alter Bauer, der sich ordentlich angetrunken hatte, beschloß zum Herrscher zu gehn und nicht soviel zu lügen, als die Wahrheit zu sagen und auf diese Art das Gold zu erlangen. Als er hinkam, gab es beim Zaren gerade ein großes Festmahl, und die Würdenträger hatten sich versammelt. Man meldete, daß ein Alter gekommen sei, bei ihrem Gelage zu lügen; der Herrscher freute sich sehr darüber. Es wurde befohlen, eine Schüssel mit Gold vollzuschütten und das Schwert daneben zu legen, und dann fing der Alte an, sein erstes Stückchen zu erzählen.

    »Gestern fuhr ich hinaus, um das Feld fürs Sommergetreide zu pflügen; mein Pferd war schwach, schon früh spannte ich es aus. Da schwankte das Pferd hin und her und brach in zwei Hälften auseinander; das Vorderteil lief nach Hause, das Hinterteil blieb auf dem Felde und wieherte.« Da sagten die Würdenträger: »Der Bauer lügt!« Der Zar jedoch meinte: »Schlau ist der Bauer, bringt alles zustande.«

    »Ich trieb das Hinterteil zum Vorderteil heran, nähte sie mit Bast zusammen und keilte sie mit einem Weidenpfahl fest; dann legte ich mich hin, um auszuruhen. Als ich erwachte, war die Weide auf meinem Pferde in die Höhe geschossen, aber nicht bloß etwa so hoch, sondern hinauf bis in den Himmel. Da kam es mir in den Sinn, an der Weide in den Himmel zu klettern.« Die Würdenträger sagten: »Der Bauer lügt! Kann denn ein Baum bis in den Himmel wachsen?« Aber der Herrscher meinte: »Schlau ist der Bauer, bei ihm ist alles möglich.«

    »Und ich stieg hinauf in den Himmel ...« - »Hast du auch den Herrgott dort gesehen?« fragten gleich die Großen des Reichs.

    »Jawohl.« - »Was macht er denn dort?« - »Er spielt mit seinen Jüngern Karten.« Die Würdenträger meinten, daß der Bauer lüge, der Herrscher aber sagte: »Ihr könnt doch mit mir Karten spielen, da kann Gott es auch mit seinen Jüngern tun.« Die Großen jedoch erwiderten: »Das ist nicht wahr: der Herrgott gibt sich damit nicht ab.« Der Zar aber meinte, der Bauer sei schlau, bei ihm sei alles möglich.

    »Als ich dort herumging, wurde es Zeit, das Pferd wieder anzuspannen; ich wollte auf die Erde hinuntersteigen, aber die Weide, die auf dem Pferde gewachsen war, war verdorrt und zusammengebrochen, und mein Vesperbrot mußte für die Vorübergehenden liegen bleiben. Ich ging aber im Himmel umher und sah, wie ein reicher Bauer seinen Hafer worfelte1. Die Spreu aber flog bis zum Himmel hinauf, ich fing sie und setzte mich hin, um ein Seil zu drehen.« Da sagten die großen Herren: »Was lügt der Bauer: kann man denn aus Spreu Seile drehen?« Der Zar jedoch meinte: »Schlau ist der Bauer, bringt alles zustande.«

    »Dann band ich dieses Seil am Himmel fest und ließ mich an ihm hinunter; doch ich kam nur bis auf hundert Werst zur Erde, nicht weiter, denn das Seil war zu kurz. Ich schnitt es aber oben ab und setzte es unten an.« Die Würdenträger riefen: »Lügen tut der Bauer! Wie kann man es oben anschneiden und unten ansetzen? Er wäre ja hinuntergefallen.« Der Zar aber meinte: »Schlau ist der Bauer, bringt alles zustande.«

    »Dann kletterte ich weiter, doch der Strick war noch immer zu kurz, aber nicht mehr als um hundert Faden2. Da glaubte ich abspringen zu können, war zu faul, das Seil nochmals abzuschneiden, fiel gerade in ein Roggenfeld hinein und stak nun bis zum Hals in der Erde, so daß ich nicht herauskriechen konnte. Da ging ich ins Dorf, holte einen Spaten und grub mich aus.« Die Großen sagten: »Der Bauer lügt: wie hat er sich denn freigemacht, wenn er bis zum Halse drinstak? und warum ist er denn ins Dorf nach dem Spaten gegangen? er brauchte ihn doch nicht; lügen tut er!« Der Zar aber meinte: »Schlau ist der Bauer, bringt alles zustande.«

    Dann stieg ich in den Fluß, wusch mich und wanderte in ein weites Tal, wo ein Hirte seine Schafe weidete. Ich sagte zu ihm: 'Guten Tag, lieber Schäfer!' Er aber antwortete: 'Bin kein Schäfer, sondern bin des Zaren Vater' Da rief jedoch der Herrscher aus: »Du lügst, guter Freund: mein Vater hat keine Schafe gehütet!« - »Wer aber Lügen konnte sagen, Eure Majestät, der darf das Gold heimtragen.«

[Weißrußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen, S. 1 ff.Digitale Bibliothek Band 110: Europäische Märchen und Sagen, S. 30186 (vgl. RU-VM, S. 74 ff.)]


Febrar 2013

Der Riese, dessen Leben in einem Hühnerei verborgen war
 (Aus Utsjok.)

Eine Frau hatte einen Mann, der sieben Jahre lang mit einem Riesen in Fehde lag. Dieser fand nämlich Wohlgefallen an der Frau und wollte den Mann um's Leben bringen, um letztere zum Weibe zu nehmen. Nach sieben Jahren gelang es ihm endlich, seinen Zweck zu erreichen; der Getödtete hatte jedoch einen Sohn, welcher, herangewachsen, daran dachte, sich an dem Riesen zu rächen, der seinen Vater getödtet und seine Mutter zur Frau genommen hatte. Es war aber dem jungen Menschen nicht möglich, dem Riesen mit Feuer oder Schwert an's Leben zu kommen, Alles was er that und versuchte, half nichts; es schien gerade, als ob sich in dem Riesen kein Leben befände.

 »Liebe Mutter,« sagte eines Tages der Sohn zur Frau, »du weißt wohl nicht, wo der Riese sein Leben verborgen?«

Die Mutter wußte es nicht, versprach aber, den Riesen auszuforschen, und da dieser eines Tages sich bei guter Laune befand, fragte sie ihn unter Anderem auch, wo er denn sein Leben hätte?

»Warum fragst du mich das?« antwortete der Riese. »Ja,« meinte die Frau, »wenn du oder ich einmal in Noth oder Gefahr kommen, so ist es tröstlich zu wissen, daß wenigstens dein Leben wohl bewahrt ist.«

Der Riese, der keinen Unrath merkte, erzählte nun der Frau von seinem Leben und sagte:   »Draußen auf einem brennenden Meere ist eine Insel, auf der Insel ist eine Tonne, in der Tonne ein Schaf, in dem Schaf eine Henne, in der Henne ein Ei und in dem Ei steckt mein Leben!«

Den Tag darauf kam der Sohn wieder zur Mutter, die zu ihm sagte: »Jetzt, lieber Sohn, habe ich Kunde vom Leben des Riesen erhalten; er hat mir gesagt, daß es sich weit draußen von hier befindet,« und darauf theilte sie ihm mit, was sie von dem Riesen erfahren.

Da sprach der Sohn:»So muß ich mir Gehilfen miethen, mit denen ich über das brennende Meer fahren kann.«

Er mietete sich also einen Bären, einen Wolf, einen Habicht und einen Seetaucher (colymbus glacialis) und machte sich in einem Boote auf den Weg. Er setzte sich in die Mitte des Fahrzeuges unter einem eisernen Zelte, und den Habicht sowie den Tauchvogel hatte er dort gleichfalls bei sich, damit sie nicht verbrennen sollten; den Bären und den Wolf aber ließ er rudern. Daher kommt es, daß der Bär schwarzbraune Haare und der Wolf schwarzbraune Flecken hat. Denn Beide haben eine Fahrt über das brennende Meer gemacht, dessen Wogen wie Feuerflammen in die Höhe schlugen.

So gelangten sie zu der Insel, wo das Leben des Riesen sein sollte. Nachdem sie die Tonne gefunden, schlug der Bär ihr mit der Tatze den Boden ein, und ein Schaf sprang hervor, welches jedoch der Wolf einholte, am Hinterschenkel packte und in Stücke riß. Aus dem Schafe flog eine Henne, auf welche der Habicht sich stürzte, worauf er sie mit seinen Klauen zerriß. In der Henne war ein Ei, welches in's Meer fiel und versank, weshalb der Seetaucher ausflog und dem Ei nachtauchte. Das erste Mal blieb er geraume Zeit fort; da er es aber nicht länger unter dem Wasser aushielt, ohne zu athmen, so kam er wieder auf die Oberfläche, um Luft zu schöpfen. Dann tauchte er wiederum unter, blieb länger fort als das erste Mal, fand aber gleichwohl das Ei nicht. Zum dritten Mal endlich fand er es auf dem Grunde des Meeres, brachte es auf die Oberfläche empor und übergab es dem jungen Menschen, der sich sehr darüber freute.

Alsbald zündete er auf dem Ufer ein großes Feuer an, legte, als es gehörig in Brand gekommen war, das Ei mitten hinein und ruderte unverzüglich wieder über das Meer zurück. Sobald er an's Land kam, eilte er geraden Weges zu dem Gehöfte des Riesen und sah nun, daß dieser eben jetzt gerade so verbrannte, wie das Ei auf der Insel.

Die Mutter war nicht minder froh als der Sohn, daß sie dem Riesenungeheuer den Garaus gemacht hatten. Noch aber war ein wenig Leben in dem Riesen, und da er ihre Freude sah, brach er in die Worte aus:

»Ich Thor, der ich mich habe verleiten lassen, dem alten bösen Weibe mein Leben zu verrathen!« und zugleich ergriff er das eiserne Rohr, womit er den Menschen das Blut auszusaugen pflegte. Die Frau hatte jedoch dasselbe mit dem einen Ende in die Glut des Herdes gesteckt, so daß er glühende Kohlen, Asche und Feuer einschluckte und inwendig verbrannte. Alsdann verlosch das Feuer und mit dem Feuer das Leben des Riesen.

[Lappland: J.C. Poestion: Lappländische Märchen, Volkssagen, Räthsel und Sprichwörter. Europäische Märchen und Sagen, S. 12987 (vgl. Lappland-MuS, S. 81 ff.)]


Januar 2013

Die alte und der Alte

Es war einmal ein Alter und eine Alte, die hatten bis in ihr Alter nicht ein einziges Kind gehabt, und das kam ihnen schwer an, weil sie gar keine Hülfe hatten, nicht einmal um das Feuer anzumachen; denn wenn sie vom Felde kamen, mußten sie zuerst damit beginnen, Feuer anzuzünden, und dann das Essen herrichten.

Eines Tages, als sie sich so mühten und mit einander beriethen, beschlossen sie, sich nach Kindern umzusehen, was dann auch geschah. Der Alte schlug einen Weg ein, die Alte einen andern, um irgendwo ein Kind zu finden.

Der Alte traf auf seinem Wege einen Hund, die Alte eine Maus. Als sie einander begegneten, fragte die Alte:

    »Alter, was hast Du gefunden?«

    »Ein Hündchen! Und Du, Alte?«

    »Ein Mäuschen.«

Sie kamen jetzt überein, das Mäuschen als Kind anzunehmen und das Hündchen fortzujagen, und so kehrte der Alte mit der Alten und dem Mäuschen vergnügt nach Hause zurück, weil sie nun gefunden, was sie gesucht, nämlich ein Kind. Zu Hause angelangt, begann die Alte Feuer anzumachen; dann setzte sie den Topf mit saurer Buttermilch zum Kochen auf und ließ das Mäuschen zurück. Es sollte aufpassen, daß der Topf nicht in's Feuer fiele; darauf ging sie dem Alten nach zur Feldarbeit.

Nachdem sie fortgegangen war, kochte die Suppe und spritzte aus dem Topfe heraus; da fing das Mäuschen, welches auf dem Herd saß, zu sprechen an:

»Süppchen, spring' nicht auf mich los, sonst spring' ich auf Dich.« Die Buttermilch aber hörte nicht darauf und spritzte immerfort heraus. Als das Mäuschen das sah, ärgerte es sich und sprang stracks in den Topf. Als die Alten vom Hacken kamen und in's Haus traten, riefen sie ihr Kind, aber nirgends ein Kind! Nachdem sie es längere Zeit gesucht hatten und es nicht fanden, setzten sie sich sehr traurig zu Tisch, um zu essen. Sie aßen jedoch mit großer Lust, bis die Alte, wie sie die Schüssel leerte, auf dem Boden was fand? Das Mäuschen, ihr Kind, todt! Sie begann zu sagen:

    »Alter, Alter, hier ist's, unser Kind hat sich in der Buttermilch ertränkt.«

    »Aber wie ist das möglich, Alte!« entgegnete der bärtige Alte.

Als sie dieses schreckliche Ereigniß sahen, begannen sie bitter weinend es zu beklagen, und der Alte fing an aus Trauer sich den Bart zu zausen, die Alte aber das Haupthaar. Der Alte trat mit Thränen in den Augen und zerzaustem Bart aus dem Haus; auf dem Baum aber vor dem Hause, auf einem Zweige saß eine Elster und die fragte ihn, wie sie ihn erblickte:

»Warum hast Du Deinen Bart zerzaust, Alter!«

 »Ach, mein Liebling, wie soll ich mir nicht die Haare aus dem Bart reißen, wenn mein Kindchen sich in dem Topf mit Suppe ertränkt hat und todt ist?«

Als die Elster dies hörte, riß sie sich auch alle Federn aus und behielt nur den Schwanz. Die Alte machte sich mit kahlem Kopf zum Brunnen auf, um einen Krug Wasser zu holen, in dem sie ihr verstorbenes Kind baden wollte. An diesem Brunnen stand ein Mädchen mit Krügen, um Wasser zu holen; als sie die Alte erblickte, fragte sie:

»Alterchen, warum hast Du Dir die Haare vom Kopf gerissen und Dich ganz kahl gezaust?«

»Ach, mein Liebling, wie soll ich mir die Haare nicht zausen und mich kahlköpfig raufen, wenn mir mein Mäuschen gestorben ist?«

Das Mädchen brach vor Trauer seine Krüge entzwei, dann eilte es zur Kaiserin, um es ihr zu sagen; diese stürzte, sowie sie es hörte, vom Balkon herab, brach sich einen Fuß und starb, der Kaiser aber, aus Liebe zur Kaiserin, ging davon und wurde Mönch im Lügenkloster, jenseits der Wahrheiten; ich aber Bekanntschaft mit den Großeltern machte.

            Denen ich dieses Märchen brachte;

            Doch ihnen schien's gar klein, sie lachten

            Wenn sie noch wieder daran dachten.

 [Europa: Rumänien. Märchen der Welt, S. 25809 (vgl. Kremnitz-Rumänien, S. 193 ff.)]


Dezember  2012

Nikolaus, der Wundertäter

Es waren einmal zwei Brüder, der eine war reich und der andere arm. Der Arme hatte eine große Familie, und zu essen gab es nichts mehr. Da ging er zum Bruder und bat ihn um Mehl; doch der schlug es ihm ab. Der Arme nahm ein Bild von Nikolaus dem Wundertäter und brachte es dem Reichen als Pfand. Der Bruder traute ihm nicht und fragte: »Wer wird für dich bürgen?« Da antwortete das Heiligenbild: »Ich bürge für ihn.« Der Reiche verwunderte sich darob, aber nahm das Bild an und gab dafür einen Sack Mehl.

Ein Jahr verging, ein zweites und ein drittes, aber der Arme zahlte dem Bruder die Schuld nicht zurück. »Welch ein Betrüger ist doch der Heilige!« dachte der Bruder, »und dabei hat er noch gesagt, er verbürge sich.« Er nahm das Heiligenbild, brach sich Ruten ab und trug das Bild hinaus auf das Feld, um es dort zu prügeln. Unterwegs begegnete ihm ein Kaufmannssohn und fragte, wohin er das Bild trage. Der Reiche erklärte es ihm. Da bat jener, er möge ihm den wundertätigen Nikolaus verkaufen, gab zwei Sack Mehl für ihn und trug ihn heim. Seine Mutter lobte ihn für die gute Tat, und sie hängten das Bild auf.

Zu dieser Zeit mußte der Kaufmann mit seinen Schiffen in ein anderes Zarenreich fahren; drei seiner Onkel hatten sich schon mit ihren Waren auf die Reise gemacht und nicht auf ihn gewartet. Da wollte er einen Aufseher in seinen Dienst nehmen und fand auch einen. Die Mutter schenkte dem Aufseher ein Ei und sagte, er solle es zusammen mit ihrem Sohn verspeisen. Jener schnitt das Ei in die Hälfte, aber die größere nahm er für sich, die kleinere gab er dem Hausherrn. Da befahl die Mutter, diesen Mann laufen zu lassen, und sagte: »Er sorgt mehr für sich als für seinen Herrn.« Der Kaufmann suchte nun so lange einen Aufseher, bis er einen solchen fand, der die größere Hälfte vom Ei seinem Herrn gab und die kleinere für sich selber nahm.

Sie machten sich dann auf und fuhren ab. Auf dem Meere kamen sie an einer Insel vorbei, und auf der Insel erblickten sie einen alten Mann, der bat sie, ihn auf ihr Schiff hinüberzuholen, und das taten sie auch. Dann fuhren sie in das fremde Zarenreich und handelten so glücklich, daß sie das Geld nicht mehr zu zählen vermochten. Der Zar in dem Lande hatte eine Tochter, die war einmal in ihrer Kindheit von ihm verflucht worden; sie starb darauf und lag schon lange in der Kirche im Sarge. Jede Nacht gingen die Leute einer nach dem andern zu ihr, den Psalter zu lesen, und alle fraß sie auf. So kam auch die Reihe an einen der Onkel des Kaufmannssohnes. Was sollte er tun? Sterben wollte er nicht, aber fortbleiben durfte er nicht. Da bat er den Neffen, für ihn zu wachen.

Der ging aber vorher zum Alten und holte sich von ihm Rat, und der Alte sagte ihm, er solle dafür von dem Onkel zwei Schiffe mit Waren verlangen, gab ihm auch ein Buch und ein Stück Kohle und befahl ihm, sich in der Kirche nicht umzuschauen. Der Neffe tat, wie er ihm geraten hatte, las in der Nacht den Psalter am Lesepult in der Kirche und zeichnete um sich herum mit der Kohle einen Kreis. Um Mitternacht aber, da stieg die Zarentochter aus dem Grabe und fing an, mit den Zähnen zu knirschen. »Ha! Jetzt bist du mir verfallen!« Doch sie konnte auf keine Art in den aufgezeichneten Kreis hineingelangen. Sie wand sich und mühte sich, bis ihre Zeit herum war und sie dort am Kreise niederfiel. Der Neffe aber las immerzu; am Morgen hob er die Zarentochter auf, legte sie zurück in den Sarg und ging selber nach Hause. Sie alle, das Volk und der Zar, staunten, daß er am Leben geblieben war. Der Onkel jedoch mußte ihm zwei Schiffe geben; die Waren gingen rasch ab, und Geld hatte er nun scheffelweis.

In der nächsten Nacht kam die Reihe an den zweiten Onkel, in der übernächsten an den dritten; der Neffe nahm von ihnen je zwei Schiffe und wachte unbeschadet. Endlich, in der vierten Nacht, mußte er für sich selber Wache halten. Da gab ihm der Alte drei eiserne, drei kupferne und drei stählerne Ruten und sprach zu ihm: »Zwing sie, ein Vaterunser zu beten, und sobald sie ins Stocken gerät, prügle sie mit den Ruten.« Der Kaufmannssohn ging zur Nacht in die Kirche, zeichnete den Kreis um sich herum und las. Die Zarentochter sprang um Mitternacht aus dem Grabe und fing an zu wüten, noch ärger als in den ersten drei Nächten. Sie hatte mit einemmal Ofenkrücken in den Händen und zerrte ihn damit fast aus dem Kreise heraus; rund herum aber tobten zahllose Teufel und machten fürchterlichen Lärm.

Endlich blieb die Zarentochter ganz ermattet stehn, aber fiel nicht um. Da zwang sie der Kaufmannssohn, das Vaterunser zu beten. Und wie sie nun anfing und dann steckenblieb, schlug er mit den eisernen Ruten auf sie ein. Danach mußte sie aber weiterlesen, kam bis zur Hälfte und stockte abermals; da prügelte er sie aufs neue mit den kupfernen Ruten. Und wieder zwang er sie weiterzulesen, und sie war noch nicht zu Ende gelangt, als sie nochmals ins Stocken geriet: da schlug er sie mit den stählernen Ruten. Dann las sie jedoch richtig bis zum Schluß. Der Morgen war schon angebrochen, und hinter den Türen fragten die Leute einander: »Lebt er wohl noch?« Und als sie zwei Stimmen hörten, wunderten sie sich: »Was soll das bedeuten?« Sie öffneten die Tür und sahen den Kaufmannssohn und die Zarentochter beieinander. Gleich meldeten sie's dem Zaren. Der freute sich darüber sehr und gab dem Kaufmannssohn seine Tochter zur Frau.

Die Waren hatten sie inzwischen verkauft, und es war Zeit heimzukehren. Der Alte aber sagte dem Kaufmannssohn, daß er seiner Frau des Nachts nicht eher beiwohnen solle, bis er es ihm erlauben würde. Sie fuhren nun auf ihren Schiffen und kamen zu jener Insel. Da sprach der Alte: »Jetzt wollen wir unsern Verdienst teilen.« Sie legten ihre Millionen auf zwei Hälften, und dann sollte auch die Frau geteilt werden. Der Jüngling betrübte sich gar sehr, aber es war nichts zu machen, so hatten sie es vorher verabredet, und er willigte schließlich ein. Der Alte nahm einen Säbel und hieb die Zarentochter in zwei Hälften: da krochen aus ihrem Leibe allerhand Ungeziefer und Schlangen; das waren aber alles Teufel. Der Alte reinigte den Leib und besprengte ihn mit Wasser, da wuchs er zusammen, und die Zarentochter ward wieder lebendig. »Hier hast du deine wahre Frau«, sprach der Alte, »leb du mit ihr und nimm alles Geld, ich bedarf dessen nicht.« Nur drei Kopeken nahm er mit sich, und dann verschwand er plötzlich, keine Spur war mehr von ihm zu sehn. Dem Kaufmannssohn war es leid um den Alten, er hatte ihn liebgewonnen wie einen Vater, aber da ließ sich nichts tun, und er reiste heim. Zu Hause erzählte er der Mutter von ihm, berichtete, was ihm begegnet war, und bedauerte den Alten. Die Mutter aber sprach zu ihm: »Warum dachtest du nicht an den wundertätigen Nikolaus? Hättest du ihm doch vorher eine Kerze geweiht.« Da besann er sich darauf und ging zu dem Heiligenbild, dort brannte aber schon eine Kerze für drei Kopeken. Sie fragten herum, wer sie wohl gestiftet habe, denn der Heilige hätte eine für einen Rubel haben sollen, doch niemand bekannte sich dazu. Da erriet er, daß der Alte der heilige Nikolaus, der Wundertäter, gewesen war und für jene drei Kopeken sich selbst eine Kerze aufgestellt hatte. Sie ließen die Kerze brennen, und mit all dem Gut, das sie erworben hatten, lebten sie glücklich und zufrieden.

[Rußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen. Europäische Märchen und Sagen, S. 21985


November 2012

Bruder und Schwester

Es waren einmal Bruder und Schwester. Sie war noch klein, als er zu den Soldaten mußte. Doch als sie herangewachsen war, schrieb ihr der Bruder: »Komm zu mir, Schwester, und bleib bei mir als Gast!« Sie war aber arm und hatte nur eine einzige Magd; und sie machte sich mit ihr auf und wanderte zu Fuß. Unterwegs gesellte sich ein Hündlein zu ihnen. Als sie an ein Flüßchen kamen, sprach die Magd zu der Schwester: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Das Hündchen aber bellte: 

            »Wau, wau, Herrin!

            Wasch dich nicht, Herrin:

            Blut floß in diesen Fluß hinein,

            In seinem Wasser kochte man Leberlein!«

 

Da packte die Magd das Hündchen und hackte ihm eine Pfote ab. Aber auch auf drei Pfoten humpelte das Hündchen ihnen nach. Dann kamen sie an das zweite Flüßchen. Sprach die Magd wiederum: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Das Hündchen aber bellte: 

            »Wau, wau, Herrin!

            Wasch dich nicht, Herrin:

            Blut floß in diesen Fluß hinein,

            In seinem Wasser kochte man Leberlein!«

Da hackte ihm die Magd die zweite Pfote ab. Sie kamen zum dritten Flüßchen; das Hündlein aber bellte wie vorher. Da schlug ihm die Magd die dritte Pfote ab. Sie kamen dann zum vierten Flüßchen, und die Magd hackte die letzte Pfote ab. Sie gingen weiter, und das Hündchen rollte hinter ihnen her. Als sie beim fünften Flüßchen anlangten, sprach die Magd abermals: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Das Hündlein aber bellte:

            »Wau, wau, Herrin!

            Wasch dich nicht, Herrin:

            Blut floß in diesen Fluß hinein,

            In seinem Wasser kochte man Leberlein!«

Da packte die Magd das Hündchen und schlug ihm den Kopf ab. Sie gingen weiter und kamen zum sechsten Flüßchen. Die Magd sprach wie vorher: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Da beugte sich die Schwester nieder, um sich zu waschen; die Magd aber stieß sie ins Wasser hinein. Das Flüßchen jedoch war tief und reißend, und die Herrin begann schon unterzusinken. Sprach die Magd zu ihr: »Hör mich an: ich werf dir einen Strick zu und zieh dich heraus, wenn du dem Bruder sagst, ich sei die Herrin und du meine Magd.« Da willigte die Herrin ein, und die Magd zog sie heraus; sie wechselten die Kleider und gingen von dannen.

 Sie kamen zum Bruder, und die Magd sprach zu ihm: »Guten Tag, Bruder! Hier, meine Magd hat mich unterwegs beschimpft! Kannst du sie nicht bestrafen?« Da schickte er die Herrin Pferde hüten. Er bemerkte aber, daß die Rosse magerer wurden, und nahm sich den Wärter vor. Aber der Wärter wußte selbst nicht, warum die Pferde so traurig waren, nichts fraßen und nichts tranken; doch er merkte wohl, daß die Rosse hungrig und traurig von der Weide kamen. Er gab auf sie acht und ging der Magd nach; er stellte sich von weitem auf und sah, daß sie sich unter einen Baum setzte und anfing, ihre Haare mit einem goldenen Kamm zu kämmen; dazu weinte sie und sang mit trauriger Stimme: 
        »Ach, ihr meine Rosse, schwarzbraune Rosse!

        Vom seidigen Grase freßt ihr,

        Vom Quellenwasser trinkt ihr! ...«

 
Die Pferde aber standen still, tranken nicht und fraßen nicht und sprachen:

 

        »Wie sollten wir trinken, wie sollten wir fressen:

        Wenn unsere Herrin selbst uns hütet!«

Und so geschah es das erste Mal und das zweite und dritte Mal. Der Wärter aber ging hin und erzählte alles dem Herrn. Da ging der Herr selbst hin und sah es auch mit an. Er trat zu der Magd heran und sprach: »Sage mir doch, um Gottes willen, was singst du da?« Da gestand sie ihm alles, und daß sie den Tod gefürchtet und es zugelassen habe, daß die Magd ihn betrüge. Der Herr führte nun seine Schwester in sein Haus, die Magd aber ließ er an den Schweif eines wilden Pferdes binden und auf dem freien Felde zu Tode schleifen.

[Rußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen. Europäische Märchen und Sagen, S. 21783 (vgl. RU-VM, S. 142 ff.)]


Mai 2012

Arsuman


Es war einmal ein Ehepaar, das hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Arsuman.
Eines Tages wurde die Frau krank. Da verlangte sie Fleisch, das Fleisch von Arsuman. Der Mann nahm seinen Sohn, schlachtete ihn und gab ihr davon zu essen. Bald kam die Tochter herein, und die Mutter gab auch ihr von der Suppe. Als nun die Tochter die Suppe aß, fand sie darin einen kleinen Finger. "Das ist der Finger meines kleinen Bruders", sagte sie, wickelte ihn in ein Tuch und trug ihn in die Kirche. Dort verwandelte sich der kleine Finger in einen Vogel, flog fort und zu einem Stoffhändler. "Was gibst du mir, wenn ich dir ein Liedchen singe?" Ein Stück Seide", antwortete der Kaufmann. Da sang der Vogel: "Ich bin ein kleiner Vogel. Ich bin ein Tirili! Geschlachtet hat mich Vater, gegessen hat mich Mutter, Schwesterchen mir Gutes tat. Ich bin ein kleiner Vogel."

Dann nahm er die Seide und flog zu einem Nadelhändler. "Was gibst du mir, wenn ich dir ein Liedchen singe?" "Ein Schächtelchen mit Nadeln." Da sang er wieder: "Ich bin ein kleiner Vogel. Ich bin ein Tirili!"Geschlachtet hat mich Vater, gegessen hat mich Mutter, Schwesterchen mir Gutes tat. Ich bin ein kleiner Vogel."

Mit Seide und Nadeln flog er zu einem Schuster, sang sein Liedchen und bekam ein Paar Schuhe, dann zu einem Stecknadelmacher und bekam Stecknadeln. Dann flog er auf das Dach des väterlichen Hauses und rief: "Vater, schau doch herauf!" Der Vater fürchtete sich, aber er schaute doch hinauf. Da warf er ihm die Nadeln ins Gesicht und blendete ihn. Er rief auch die Mutter und blendete sie mit den Stecknadeln. Dann aber rief er die Schwester und sagte, sie solle den Saum ihres Kleides heben, er wolle ihr etwas schenken.Und warf ihr Seide und Schuhe hinab und flog davon und ward nicht mehr gesehen.


April 2012

Dümmling

Es war einmal ein Hans der war so unerhört dumm, dass ihn sein Vater in die weite Welt jagte.
Er rennt vor sich hin, bis er an Meeresufer kommt, da setzt er sich hin und hungert.
Da kommt eine hässliche Kröte auf ihn zu und quackt, umschling mich und versenk mich!
So kommt sie zweimal, er weigert sich, wie sie aber zum drittenmal kommt, folgt er ihr.
Er sinkt unter und kommt in ein schönes Schloss unter dem Meer.
Hier dient er der Kröte.
Endlich heißt sie ihn, mit ihr zu ringen, und er ringt, und die hässliche Kröte wird zu einem schönen Mädchen und das Schloss mit all seinen Gärten steht auf der Erde.
Hans wird gescheit geht zu seinem Vater und erbt sein Reich.


März 2012

Die Wassernixe
Ein Märchen der Brüder Grimm (KHM 79)

Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so spielten, plumpten sie beide hinein. Da unten war eine Wassernixe, die sprach: "Jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten", und führte sie mit sich fort. Dem Mädchen gab sie verwirrten, garstigen Flachs zu spinnen, und es musste Wasser in ein hohles Fass schleppen, der Junge aber sollte einen Baum mit einer stumpfen Axt hauen. Und nichts zu essen bekamen sie als steinharte Klöße. Da wurden zuletzt die Kinder so ungeduldig, dass sie warteten, bis eines Tages sonntags die Nixe in der Kirche war, da entflohen sie. Und als die Kirche vorbei war, da sah die Nixe, dass die Vögel ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen nach. Die Kinder erblickten sie aber von weitem, und das Mädchen warf eine Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg mit tausend und tausend Stacheln, über den die Nixe mit großer Müh klettern musste. Endlich aber kam sie doch hinüber. Wie das die Kinder sahen, warf der Knabe einen Kamm hinter sich, das gab einen großen Kammberg mit tausendmal tausend Zinken, aber die Nixe wusste sich daran fest zu halten und kam zuletzt doch drüber. Da warf das Mädchen einen Spiegel hinterwärts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so glatt, dass sie unmöglich drüber konnte. Da dachte sie: "Ich will geschwind nach Haus gehen und meine Axt holen und den Spiegelberg entzweihauen." Bis sie aber wiederkam und das Glas aufgehauen hatte, waren die Kinder längst weit entflohen, und die Wassernixe musste sich wieder in ihren Brunnen trollen.


Januar 2012

Die Zeit zwischen dem Heiligen Abend und dem Dreikönigsfest ist die Zeit der Frau Holle, die zwölf Rauhnächte.Viele Sagen und Märchen erzählen davon.

Frau Holla und der treue Eckart

In Thüringen liegt ein Dorf namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau Holla vorüber, und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte die begegneten Leute, aus dem Wege zu weichen, dass ihnen kein Leid widerfahre. Ein paar Bauernknaben hatten gerade Bier in der Schenke geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem sie zusahen. Die Gespenster aber nahmen die ganze breite Straße ein, da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Krüge und tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wussten doch nicht, wie sie ihnen zu Haus tun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: "Das riet euch Gott, dass ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch eure Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier sein und wird ihnen nie gebrechen." Dieses taten die Knaben, und es war so, die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in acht. Endlich aber konnten sie´s nicht länger bergen, sondern erzählten ihren Eltern von der Sache, da war es aus, und die Krüglein versiegten. Andere sagen, es sei dies nicht eben zu Weihnacht geschehen, sondern auf eine andere Zeit.

(aus: Brüder Grimm/Deutsche Sagen)


Dezember 2011

Ein Märchen über die Liebe und wie man sehnlichen Wünschen tatkräftig nachhelfen kann

Das Nikolausgeschenk (Friesland)

Es war einmal eine reiche Bäuerin, die war sehr jung Witwe geworden. Zuerst wollte sie nichts davon wissen, wieder zu heiraten, denn sie befürchtete, die zahlreichen Heiratskandidaten würden eher von ihrem Geld und dem schönen Hof angelockt als von ihren hübschen blauen Augen. Sie bewirtschaftete den Hof alleine mit einem Knecht, einem ruhigen, zuverlässigen jungen Mann. Sie mochte ihn recht gern und konnte auch schwer ohne ihn auskommen, und es kam so weit, dass sie ihn gern zum Manne gehabt hätte. Aber als Frau konnte sie ihn nicht gut fragen. Das gehörte sich nicht.
Und er ließ sich nichts anmerken. Nicht, dass er nicht wollte. Er liebte sie heimlich, aber dass ein Knecht es gewagt hätte, sein Glück bei einer Bäuerin zu versuchen, das war in der ganzen Gegend noch nicht vorgekommen.
Uns so geschah nichts. Bis zum Dezember. Neckend sagte die Bäuerin dem Knecht, er sollte doch am Nikolausabend seine Holzschuhe an den Kamin stellen, es könnte doch sein, dass St. Nikolaus dieses Jahr etwas für ihn in seinem Sack hätte.
"Dumm Tüch!" dachte der Knecht. Aber dann stellte er seine Schuhe doch an den Kamin. Schließlich war sie ja die Bäuerin und hatte das Sagen, oder? Als er am nächsten Morgen für eine Tasse Tee in die Küche kam, hatte er das alles schon wieder vergessen, bis er die Bäuerin sah. Die stand mit hochrotem Kopf barfuß in seinen viel zu großen Holzschuhen vor dem Kamin. Aber sie brauchte nichts zu sagen. Er verstand den Wink, und acht Wochen später war er der Bauer.

Der Märchenzirkel Münster wünscht allen Lesern eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit


November 2011

Die Schlangenkönigin

Ein Märchen aus der Schweiz


Eines Tages fand ein Hirtenmädchen auf einem Felsen eine kranke Schlange, die am Verdursten war. Mitleidig schüttete sie aus dem Krug, den sie bei sich trug, etwas Milch in eine Schale, und die Schlange leckte die Milch begierig auf und erholte sich zusehends, bis sie endlich kräftig genug war, dass sie davonkriechen konnte.
Das Mädchen aber liebte einen jungen Hirten, der eines Tages zu ihrem Vater kam und ihn bat, ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Aber der war reich und stolz und sprach: "Wenn du einmal so viel Herden hast wie ich, dann werde ich dir meine Tochter geben."
Von diesem Tage an aber kam alle Nächte ein feuriger Drache und verwüstete dem Alten Wiesen und Weiden, dass seine Herden bald kein Futter mehr fanden und zugrunde gingen.
Da kam der junge Hirt wieder, denn nun war er nicht ärmer als der Alte. Der konnte ihm die Tochter nicht mehr verweigern, und die Hochzeit wurde gehalten.
Am Hochzeitsmorgen aber kroch plötzlich eine Schlange in das Zimmer der Braut, darauf saß eine schöne Frau, die sprach: "In der Not hast du mich mit Milch gespeist. Das will ich dir danken." Und sie nahm von ihrem Haupt eine glänzende Krone aus Gold und reichte sie ihr, bevor sie samt der Schlange lautlos wieder aus dem Zimmer glitt.
Die Braut aber bewahrte das goldene Krönlein auf und hatte mit dem Segen der Schlangenkönigin Glück ihr Leben lang


September 2011

Die drei Faulen

Ein König hatte drei Söhne, die waren ihm alle gleich lieb, und er wusste nicht, welchen er zum König nach seinem Tode bestimmen sollte. Als die Zeit kam, dass er sterben sollte, rief er sie vor sein Bett und sprach: "Liebe Kinder, ich habe etwas bei mir bedacht, das will ich euch eröffnen: Welcher von euch der Faulste ist, der soll nach mir König werden." Da sprach der älteste: "Vater, so gehört das Reich mir, denn ich bin so faul, wenn ich liege und will schlafen und es fällt mir ein Tropfen in die Augen, so mag ich sie nicht zutun, damit ich einschlafe." Der zweite sprach: "Vater, das Reich gehört mir, denn ich bin so faul, wenn ich beim Feuer sitze, mich zu wärmen, so ließ ich mir eher die Fersen verbrennen, eh ich die Beine zurückzöge." Der dritte sprach: "Vater, das Reich ist mein, denn ich bin so faul, sollte ich aufgehenkt werden und hätte den Strick schon um den Hals und einer gäbe mir ein scharf Messer in die Hand, damit ich den Strick zerschneiden dürfte, so ließ ich mich eher aufhenken, eh ich meine Hand erhübe zum Strick." Wie der Vater das hörte, sprach er: "Du hast es am weitesten gebracht und sollst der König sein."

Ein Märchen - vielleicht eine Art Antimärchen?

Es findet sich unter KHM 151 bei den Brüdern Grimm


August 2011

Der Mond und seine Mutter

Der Mond sprach einmal zu seiner Mutter, sie möchte ihm doch ein warmes Kleid machen, weil die Nächte so kalt wären.

Sie nahm ihm das Maß, und er lief davon. Wie er aber über ein kleines wiederkam,war er so groß geworden, dass das Röcklein nirgend passen wollte. Die Mutter fing daher an, die Nähte zu trennen, um es auszulassen, allein da dies dem Mond zu lange dauerte,so ging er wieder fort seines Weges.
Die Mutter nähte emsig am Kleid und saß manche Nacht auf beim Sternenschimmer.

Als nun der Mond zurückkam und viel gelaufen war, da hatte er sehr abgenommen, war dünn und bleich geworden, daher ihm das Kleid viel zu weit war, und die Ärmel schlotterten um die Knie.
Da wurde die Mutter sehr verdrossen,dass er ihr solche Possen spiele, und verbot ihm, je wieder in ihr Haus zu kommen.

Deswegen muss der arme Schelm nackt und bloß am Himmel laufen, bis jemand kommt, der ihm ein Röcklein tut kaufen.

Ein Märchen der Brüder Grimm


Juli 2011

Die Sonne, der Mond und der Hahn

Ein Sonnenmärchen aus Malaysia für den Juli

Die drei Götterkinder, die Sonne, der Mond, und der Hahn, lebten vor langer, langer Zeit zusammen im Himmel. Die Sonne und der Hahn hatten einander sehr lieb, und niemals gab es einen Streit zwischen ihnen. Der Mond aber konnte den Hahn nicht leiden und darum neckte und quälte er ihn auch, wann und wo immer er konnte.

Als nun einmal die Sonne gerade unterwegs war, um der Erde zu leuchten, ließ sich der Mond vom Hahn bedienen. Aber wie sehr der Hahn sich auch Mühe gab, an allem nörgelte der Mond herum. Und schließlich packte er voller Wut den Hahn, zerzauste ihm alle Federn und warf ihn vom Himmel auf die Erde hinunter.

Als die Sonne heimkam, sah sie betrübt, was geschehen war, und da sie die Älteste war, musste sie den Frieden wieder herstellen. Lange dachte sie nach, dann rief sie den Mond zu sich und sprach zu ihm: "Wir drei können nicht länger zusammenleben. Ich hätte keine ruhige Minute mehr, wenn ich unterwegs bin, um der Erde zu leuchten, und euch allein beisammen wüsste. Darum werden in Zukunft der Hahn und ich immer am Tage zusammen unterwegs sein, und du mags

t dann in der Nacht deinen Weg am Himmel gehen. So vermeiden wir das Hässlichste und Traurigste, was es in der Welt gibt, Zank und Streit."

Und so geschah es auch. Seitdem weckt der kleine Hahn mit seinem hellen Kikeriki die große Sonne auf, und sie verbringen den Tag miteinander. Die Sonne hoch am Himmel und der Hahn unten auf der Erde. Und erst am Abend, wenn die Sonne in den Himmel zurückkehrt und der Hahn in seinen Stall, dann steigt der Mond am Horizont auf und beginnt seine einsame Herrschaft über das Reich der Nacht und der Sterne.


Juni 2011

Die drei goldenen Haare

Vom ewigen Kreislauf der Sonne

Es war einmal ein alter Mann. Mitten in einer dunklen Nacht ging er durch den Wald. Sein Licht war fast abgebrannt, und nur mühsam fand er seinen Weg.

da sah er in der Ferne einen Lichtschein, un d Rauch stieg auf. Mit letzter Kraft ging er darauf zu, und als er die Waldhütte erreicht hatte, war sein Licht völlig abgebrannt. Kaum hatte er die Tür aufgestoßen, da sank er erschöpft zu Boden.

Am Feuer saß eine uralte Frau. Als sie den Mann erblickte, stand sie auf, ging zu ihm hin und trug ihn zum Feuer. Da wiegte sie den Greis in ihrem Schoß, und sie summte: "Nuu-naa,nuu-naa, nuu-naa", bis er einschlief. Die ganze Nacht lang wiegte sie ihn und sang leise dazu ein altes Lied.

Noch bevor der Morgen graute, war der Alte zu einem jungen Mann geworden, zu einem Jüngling mit goldenen Haaren. Die Uralte sang weiter: "Nuu-naa, nuu-naa, nuu-naa", und der Jüngling schlief weiter.

Als der Morgen dämmert, ist aus dem jungen Mann ein Knabe geworden, und als die Nacht dem Morgen weicht, da zupft die Alte dem Kind drei goldene Haare aus und wirft sie auf den Boden. "Ping - ping - ping." Da wacht das Kind auf.

Die Alte läßt den Knaben von ihrem Schoß, er läuft zur Tür, öffnet sie - und als Morgensonne steigt er zum Himmel empor.

Ein Märchen aus Rumänien


Mai 2011

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

sind Schlüssel aller Kreaturen,

wenn die, so singen oder küssen,

mehr als die Tiefgelehrten wissen,

wenn sich die Welt ins freie Leben

und in die Welt wird zurückbegeben,

wenn sich wieder Licht und Schatten

zu echter Klarheit werden gatten

und man in Märchen und Gedichten

erkennt die wahren Weltgeschichten,

dann fliegt vor einem geheimen Wort

das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

Sich ein wenig bekleiden

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tag ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der sie traf, flüchtete voller Angst vor ihr. Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straße. Sie war sehr betrübt und verbittert. Da begegnete sie dem Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen und vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten. Da fragte das Märchen die Wahrheit: „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Straßen so betrübt herum?“ Da antwortete ihm die Wahrheit: „Es geht mir schlecht, ich bin alt und betagt, und kein Mensch will mich kennen.“ Hierauf erwiderte das Märchen: „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt, un je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Siehe, ich will dir das Geheimnis der Menschen enthüllen: Sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig bekleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin, und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden.“

Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens. Seit damals gehen Wahrheit und Märchen zusammen, und beide sind bei den Menschen beliebt.

(Jüdisches Märchen)